Vom Flachs zum leinen

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Der Bürgergarten bietet auch die Chance, Flachs auf einer Parzelle anzubauen, um dann im Sommer die Faserpflanze zu ernten und später auf einem Flachsfest zu zeigen, wie Stroh zu Gold gesponnen wird.
Wer weiß heutzutage noch, wie mühsam es für unsere Vorfahren war, feinstes Leinen herzustellen? Und wer hat eine Vorstellung davon, wie aus einem Stängel bzw. Stroh solch feine Fasern gewonnen werden, dass sie versponnen und dann zu einem Tuch verwebt werden können?
Dies möchten Henning Dormann und Monka Ahrendt interessierten Menschen zeigen und erklären. Das Wissen um Schaumburger Traditionen, landwirtschaftliche Arbeit und Handwerk geht verloren. So kann es zur Landesgartenschau eine Bereicherung sein,
Besuchern davon zu erzählen, dass in der Schaumburger Region u.a. Flachs angebaut wurde. Die Herstellung von Leinenstoff hat viel Zeit und Mühe gekostet. Stolz wurden zu Hochzeiten die mit Leinenhemden, Bettwäsche, Geschirr- und Tafeltüchern gefüllten Aussteuertruhen gezeigt und begutachtet. 

Kann sich jemand vorstellen, dass bis zum genähten Stück Stoff dann fast zwei Jahre vergangen sind?

Also: Aussaat im April, Wachstum bis Juli/August, ernten und die Samenkapseln abriffeln, im September in die Rotte legen, trocknen, dann im Oktober den Flachs brechen, schwingen, hecheln, im Winter spinnen und zum Jahresbeginn (Frühling) weben. Dann kann genäht und gestickt werden. Dies ist in Zeiten von „fast Fashion“, also schnell gekaufter Mode doch eher undenkbar.
Vielleicht hat es beim ersten Treffen im Bürgergarten so manchen aus der Gruppe irritiert, dass für das Flachsprojekt die Parzelle
größer und größer abgesteckt wurde. Aber unser Wunsch ist, zur Landesgartenschau 2026 den Besuchern ein blaublühendes Flachsfeld zu präsentieren. Wäre doch schön, wenn unser Bürgergarten zu einer „Fahrt ins Blaue“ einladen kann.

Februar 2025:
Schon im Februar wurden etliche Mitglieder im Bürgergarten aktiv: die eingeteilten Rasen-Parzellen mussten für einen Anbau von Gemüse oder Blumen vorbereitet werden, das hieß, den Rasen abtragen oder umgraben. Für den Flachsanbau ist eine gute Beetvorbereitung enorm wichtig: Unkraut verträgt die zarte Pflanze gar nicht, sie braucht ein sonniges Plätzchen, der Boden muss regelmäßig locker und feucht gehalten werden, und wenn wir den Flachsanbau schon ernst nehmen wollen, müssen auch unbedingt gewisse Regeln bzw. Traditionen eingehalten werden. Daher machten wir uns schnell daran, den Rasen umzustechen, denn uns drängte auch ein bisschen die Zeit … schließlich ist Flachs die „Hundertpflanze“: sie wird am 100. Tag (dieses Jahr der 10. April) ausgesät, zeigt nach ca. 100 Stunden ihre Keimblättchen und wird schon nach 100 Tagen ausgerauft (geerntet). Danach geht sie noch durch 100 Hände

März 2025:
„Lust mit uns herumzuflachsen?“ Wer kennt diese Redensart nicht … Der Förderverein der LaGa 2026 jedenfalls hat Lust, mit der Community von 1qmlein herumzuflachsen und wurde in diesem Monat Kooperationspartner eines großen Projekts, das sich über ganz Deutschland erstreckt. Der Verein TextilHandWerk e.V. ruft dazu auf, im eigenen Garten, in Schul- oder
Museumsprojekten Lein auszusäen, den geernteten Flachs zusammenzutragen und in gemeinsamer Aktion weiter zu
verarbeiten.

Wer über dieses großartige Projekt mehr erfahren möchte, kann im Netz unter 1qmlein.de Informationen und weitere Kooperationen finden.

Wenn alles gut läuft, können wir schon bald unser erstes, im Bürgergarten „gewachsenes“ Geschirrtuch in den Händen halten …

April 2025:
Am 100. Tag, also am 10. April, haben wir tatsächlich die Aussaat von drei Reihen Flachs, Sorte Christine, gewagt. Eigentlich war es einfach zu trocken, kein Regen in Sicht und viel Unsicherheit dabei, ob die Saat aufgeht. Wir deckten mit einem Vlies ab, denn auch die Vögel besuchen den Bürgergarten regelmäßig, um in den Beeten rumzuhacken. Natürlich haben wir gewässert und nach ca. fünf Tagen sahen wir schon die ersten zarten Pflanzen.

Da wir in unserem Garten auch viel ausprobieren können und ein wenig experimentieren wollen, haben wir genau sieben Tage später nach einem Regenguss weiteren Flachs gesät und der Plan ist, Anfang Mai eine dritte Aussaat zu starten. Wer weiß, wie sich unter den jetzigen klimatischen Bedingungen das Wachstum unserer Pflanzen zeigt? Die etwas strikten Regeln unserer Vorfahren werden wir wohl nicht eins zu eins übernehmen können.

Gleichzeitig haben wir ein größeres Beet schon für kommendes Jahr vorbereitet: da Flachs nur alle sieben Jahre erneut auf dem gleichen Acker ausgesät werden soll, haben wir ein Feld mit Kartoffeln als Vorfrucht bepflanzt, da diese den Boden auflockern und quasi „säubern“. Nächstes Jahr sind wir also gut vorbereitet, um auszusäen.

Mai 2025:

Im Mai hatten wir auch unser Kooperationstreffen von 1qmlein im Flachsmuseum von Wegberg-Beek (bei Mönchengladbach). Seit 40 Jahren wird dort Interessierten gezeigt, wie aus dem Stängel die feine Faser gewonnen wird. Die 3. Klassen der dortigen Schulen machen dort ihr „Flachsdiplom“ und sind hinterher darin ausgebildet, im Museum ihren Eltern und Geschwistern den gesamten Vorgang zu zeigen. Sie dürfen an alle Geräte und Materialien im Museum, die für ihren ganz eigenen Vortrag nötig sind. Tolle Idee für solch ein lebendiges Museum!

Wir hatten u.a. die Gelegenheit, uns einen Vortrag der Österreicherin Christine Seufferlein vom Verein „Bertas Flachs“ anzuhören, und waren beeindruckt von ihrer Geschichte, wie der Flachs zu ihr gekommen ist.

Für uns war es schon erstaunlich, wie viele Menschen oder Institutionen sich mit dem Thema „Flachs“ befassen, welches Wissen in den unterschiedlichsten Regionen weltweit vorhanden ist und was SpinnerInnen, WeberInnen, StickerInnen, KünstlerInnen …. aus dieser Leinpflanze machen.  Im weiteren Verlauf unseres Anbaus machten wir uns Sorgen über die große Trockenheit in diesem Monat. Wir haben es zunächst nicht gewagt, noch eine dritte Aussaat zu machen, aber es zeichnete sich endlich ab, dass es doch noch Regen geben würde!

Also wurde am Dienstag, 21. Mai, noch einmal der Rest des vorbereiteten Beetes mit den kleinen Flachssamen breitwürfig bestreut und vorsichtshalber mit Vlies bedeckt. Und Donnerstag gab es Regen!!! Nächste Woche dürften dann die ersten Pflänzchen zu sehen sein.

… Fortsetzung folgt!